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Wirkungen

ATEMSPIEL

Ein Übungsweg für Achtsamkeit und Gewahrsein mit den Mitteln des bewussten zugelassenen Atems und der Körpersensibilisierung *)

SPIEL mit dem unverstellten KÖRPERAUSDRUCK

Exemplarisch stelle ich im Folgenden einige signifikante Zusammenhänge dar:

DEHNEN IST WEIT WERDEN

Was aus der physiologischen Übung der Muskelentspannung bekannt ist, bewährt sich und wirkt auch auf der emotionalen und seelischen Ebene.
Wenn ich über angemessene, d.h. meinem augenblicklichen Empfinden wohltuende einfache Dehnungsbewegungen den Einatem einströmen lasse, stellt sich in der angesprochenen Körperregion nach kurzer Übungsdauer das Empfinden von Raum, Raumerweiterung ein. Verbunden ist diese Wahrnehmung oft mit einem Gefühl der Erleichterung, der Spannungsminderung und Schmerzlinderung. Wenn ich den Gewinn aus dieser einfachen Übung erfahren habe, werde ich auch selbständig und im Alltag auf diese Möglichkeit zur Verbesserung meiner Situation zurückkommen.
Bei Anfällen von Bedrückung, Angst (= Enge) oder Turbulenz (Panik, Ruhelosigkeit) kann die zugewandte Dehnung beispielsweise der Schulter-, Brust - und Achsel-Räume befreiend wirken.
Der »freundliche Einatem« – wie ich es nenne – bewirkt zusammen mit der sanften muskulären Dehnung, dass ich innerlich sagen kann:
»Ich nehme es in die Weite«.
Diese gedankliche Absicht hinter der Bewegung verstärkt unmittelbar das Ergebnis.
Irgendwann wird die bloße Absicht genügen, um Erleichterung und Aufatmen zu erzielen.

SPIEL mit dem unverstellten KÖRPERAUSDRUCK

ATEM IST RHYTHMUS, IST LEBEN

Wenn wir über das mögliche Missverständnis hinaus sind, es handle sich darum, richtig oder falsch zu atmen, kommen wir mehr und mehr dahin, die Aufmerksamkeit für unsere Atembewegung als Aufmerksamkeit für uns selbst zu begreifen:
Ich nehme mich wahr, so wahr wie ich gerade bin.
Denn so wie ich atme, so bin ich – so wie ich augenblicklich lebe, so atme ich.

Auf dieser Wahrnehmungsebene ist meine Bewusstheit für den Atem Selbst-Bewusstheit. So ist die Übung mit dem Atem, wenn ich ihn so zulasse, wie er ist, Übung an mir als Person, als ganzem Menschen.
Nach und nach eröffnet mir der Kontakt zur Atembewegung Zugänge zu meinem ureigenen Rhythmus. Im Einatem lasse ich mich erfüllen und weit werden - wie beschenkt von der einströmenden Luft.
Im Ausatem lasse ich es - lasse ich mich - gehen, wie es will: Entweder ins einfache Zurückschwingen in die Leere der eigenen Mitte oder als Bewegung nach außen in den Ausdruck dessen, was ich augenblicklich äußern will.
In der Atempause geschieht das unwillkürliche Innehalten, das bewegt-unbewegte Tun-Nichttun wie eine zutiefst regenerierende Ruhezeit, auf die der neue Einatem mit großer Selbstverständlichkeit und Spontaneität folgen kann.

Fallbeispiel Frau M.
»Als am Wochenende Besuch kam, bin ich wieder dahinein geraten:
Ich fühlte, wie ich mich zusammenreiße, als ich merkte:
Ich kann nicht so sein, wie ich bin, kann nicht sagen, wonach mir wirklich ist.« Als sie mit diesem Gefühl ihren Körper wahrnimmt, spürt sie:
»Die Nieren werden starr und kriegen eine Panzerhaut; der Brustraum wird eng, ich bekomme zu wenig Luft.«
Ich frage sie: Wie ist es, wenn sie Ihren Ausatem ganz und gar verströmen lassen, ihn vollständig gehen lassen ... bis Leere entsteht, bis sie ganz leer werden – und dann nichts tun – einfach nichts, auch nichts tun, um Atem zu holen, sondern einfach warten, bis der neue Einatem von selbst kommt?
Meine Hände unterstützen sie zunächst begleitend am Rücken auf der Höhe der Nierengegend. Nachdem Frau M. einige Male dieses tiefe Leerwerden zugelassen hat, empfindet sie »Freiheit« und »dass ich genug bin«.
Allein und im Gewahrsein ihrer Füße und ihres Beckenboden geht sie dann nochmals in das Gefühl, das sie beim Sonntagsbesuch heimgesucht hatte. Es bekommt nun keine Macht mehr über sie, sie kann es »in die Weite nehmen«.

Die Dreigliederung des Atemgeschehens kann mir eine Verstehenshilfe sein für mein Lebensgeschehen: Die Dreiheit hebt die bloße Dualität des Ein und Aus, des Hin und Her auf; unsere Organik neigt in ihrer Beschaffenheit nicht zum maschinellen Takt, sondern zum lebendigen Rhythmus. D.h. sie ist eine sich stets wandelnde Abfolge origineller Tempi, abhängig davon, wie wir gerade sind, was wir augenblicklich denken, fühlen, sagen, tun. So lehrt mich der Atemrhythmus, einverstanden sein zu können mit meinem Lebensrhythmus.

 

SCHMERZ UND ATEM

Ist unsere Körperempfindung durch gelebte Erfahrung so auf die Bewertung »Schmerz« festgelegt, dass sie zum Programm unserer Hirnfunktion geworden ist, so ist es einen Versuch wert, wiederum über eine Empfindungs- und Gedanken-Kombination eine Umpolung zu bewirken.

Erste Möglichkeit:
Ich suche die betroffene Körperregion über die Empfindung meiner Einatem-Bewegung auf. Gedanklich verbinde ich damit meine Absicht liebevoller, freundlicher Zuwendung oder Erkundung. Ich frage sozusagen mit meinem Einatem nach dem Befinden – und zwar mit dem ernsthaften Interesse, es wirklich erfahren zu wollen. Und so wie Parzivals Wohl oder Wehe davon abhängt, ob er dem leidenden König Amfortas genau diese Frage stellt – so ist es auch hier: Es geht gar nicht in erster Linie darum, das Schmerzgeschehen zu verändern, sondern um mein Frageverhalten.
Indem ich von Herzen frage, geht es mir als Fragendem besser – dann erst und dadurch kann es auch der Schmerzregion meines Körpers besser gehen.

Zweite Möglichkeit:
Ich suche die Polarität zur schmerzenden Körperregion auf, widme meine Aufmerksamkeit dem innerkörperlichen Gegenüber, also z.B. den Füßen, wenn Schmerz den oberen Raum beherrscht - der Rückseite des Körpers, wenn der Schmerzherd eher auf der Vorderseite liegt etc.
Hier suche ich mit dem Ausatem in die polare Gegend hinein. Ausatem ist »Richtung«, er kann Abfluss, Entladung, Ausdruck sein für das, was in mir ist.
Dadurch entsteht unwillkürlich ausgleichender Raum, Spiel-Raum für die polar dazu liegende Körperregion.
Salopp könnte man auch von einem Befreiungsversuch durch »Ablenkung« oder »Umleitung« sprechen: Ich gehe bewusst woandershin, um das Gebiet, in dem ich mich gefangen, eng, in den Schmerz eingesperrt oder von ihm beherrscht fühle, aus dem Focus meiner Empfindung heraus zu nehmen. Offensichtlich handelt es sich hierbei nicht um ein Ausweichen oder Vermeiden, sondern um eine bewusst gewählte Alternative.
Zugleich kann ich darauf vertrauen, dass durch meine Ausatem-Absicht mein Körpersystem augenblicklich auf Ausleitung, Entlastung, Lösung umschaltet.

Fallbeispiel Herr S.
Herr S. kommt und berichtet von einem stechenden Schmerz im Brustraum. Ich bitte ihn, auf dem Rücken zu liegen – und nachdem er bewusst in der Position angekommen ist, sich mehr und mehr tragen lassen kann:
Wie ist es, wenn Sie mit dem Einatem immer wieder mal an die Rückseite des Brustraums suchen, so als wollte der Einatem diese Rückwand von innen sanft berühren?
Nach kurzer Zeit stellt sich das Empfinden von etwas mehr Raum im Brustkorb ein, auch so, als wäre dort »aufgeräumt und mehr Licht«. Ich bitte Herrn S., seine rechte Hand auf das Brustbein zu legen, so als lausche er damit eine Weile ins Brustinnere; ich spreche ihn dann auf sein Herz an und frage: Wenn Sie nun mit dem Einatem einige Male Ihr Herz ansprechen, es vielleicht auch in den Einatem sanft einhüllen… so als wollten Sie es ermutigen, sich zu öffnen, sich zu zeigen…. Und wieder nach eine Weile: Und wenn Sie nun Ihre Aufmerksamkeit auf den Ausatem richten… und wenn Sie mit dieser Atembewegung vertraut sind, Ihr Herz fragen, ob es dem Ausatem etwas mitgeben möchte:
Schau, sagen Sie, da ist meine Hand, sie hört dir zu, sie ist bereit, etwas zu übernehmen, was du auf dem Herzen hast. Vielleicht möchten Sie das, was Ihr Herz belastet hat und Ihnen wie ein stechender Schmerz vorkam, jetzt in die Hand nehmen – im wahrsten Sinn des Wortes - und sich dafür zuständig erklären.
Herr S.: Ja, ich will diesen Trennungsschmerz nicht länger in meinem Herzen toben lassen, ich nehme das jetzt in die Hand und mache was damit.

In dieser Phase des Übens bahnt sich möglicherweise eine Lösung der Spannung, des Schmerzes an, indem der Klient sich zunächst Raum in der Polarität schaffen und danach auch einen »Ausweg« ins »Handeln« eröffnen konnte.
Dabei leite ich ihn als Begleiter an, beobachte seine inneren Schritte und gebe entsprechend die Impulse dafür, wie er weitergehen könnte. Die Arbeit der Empfindung, des Annehmens, Übernehmens und Lösens ist natürlich ganz die seine.

 

IM GEWAHRSEIN LERNEN ODER: KONTEMPLATIVES ÜBEN

Wenn ich in wachem Kontakt mit dem Geschehen bin, das die Atembewegung augenblicklich und unmittelbar in mir hervorruft und auftauchen lässt, habe ich die Möglichkeit, unbewertet und einfach wahr-zu-nehmen.
Diese Art der Selbsterforschung mithilfe des »inneren Atems« spielt auf der Grenze zwischen Bewusstem und Unbewusstem.
In der Anerkennung dieses Geschehens gründet jede mögliche Wandlung und Veränderung: Ich bin bereit, unmittelbar zu erleben, zu erfahren und mich im offenen Gewahrsein dem zu stellen, was ist.

Das Anleiten dieses Übungsweges nennt I. Lauscher-Koch »Kontemplatives Unterrichten«**).
Ich teile ihre Auffassung und die Erfahrung, dass die Übungsqualität des meditativen Gegenwärtigseins eine Voraussetzung ist für das »Bewirkende«.***) Dabei scheint das entscheidende, Bewirkendes ermöglichende Moment ein frei bleibender Spielraum dafür zu sein, dass ich alles dafür tue, im Effekt frei vom Tun-Müssen zu sein. Anders sagt: Ich arbeite aufrichtig und so gut ich kann an mir selbst, an der Öffnung meiner Verschlossenheiten, an der Bahnung meiner verstopften Wege und Flüsse –und lasse dann entschieden los, als einer, der für das Ergebnis des Heilungsverlaufs nicht zuständig ist.
Denn das Annehmen dessen, was ist, bedarf der Grund-Erfahrung (im wahren Sinn des Wortes), getragen zu sein:
Ich bin in meinem Leben zutiefst getragen von Grund auf.
Dieser Grund ist oft unbewusst, wie auch die Quelle, aus der sich mein Leben nährt, das Unbewusste ist.
Im Vergewissern des Getragenseins liegt indessen die Voraussetzung dafür, an der Stelle loslassen zu können, wo ich festmache, anspanne, eng werde.
Im Freigeben solcher Haltespannungen, nach und nach, Quäntchen für Quäntchen, kann sich mein Wesen, kann sich mein Körper runterlassen, hingeben, kann ich mich tragenlassen vom Grund her und von Grund auf.

Dieses vertrauensvolle Runterlassen (aus einer tiefen Gewissheit vom Grund her) verbindet sich entsprechend nicht mit dem lösenden Ausatem, sondern empfängt den Einatem, lässt sich innen weit werden in der Fülle des Bei-sich-Seins.
Und wie in dieses Geschehenlassen der Einatem von selbst einfällt, so wird der folgende Ausatem mich in aller Einfachheit aufrichten, auftragen, mühelos und natürlich und von selbst, also vom SELBST her.
So führt die besonnene Anwesenheit im Atem- und Körpergeschehen über die Empfindung in die Erfahrung des äußeren und inneren Gewahrseins, leibhaftige Präsenz-Übung wird geistige Praxis bewussten Seins.

 

 

*) Seit gut vier Jahren bewährt sich der Übungsansatz in der Gruppen- und Einzelarbeit mit Patienten in der Hahnemann-Klinik in Bad Imnau
**) Irmgard Lauscher-Koch, Gewahrseins-Praxis und Lehre, Köln 2008
***) Cornelis Veening in: Texte aus Erinnerung an Cornelis Veening, o.O. 1995

 

Copyright: Klaus Möller, Tübingen, 13. Juli 2009